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Ist Lesen besser als TV-schauen?

  • von
Patricia Prezigalo TV schauen Lesen

Hallo wunderschönes Lesewesen.

Willkommen in meiner Plauderecke. Hier plaudern wir. Das ist Small Talk für Fortgeschrittene. Ein absolut leichtfüssiger Drahtseilakt zwischen nicht ganz so seicht und nicht ganz so philosophisch.

Danke allen Neuen, dass ihr den Weg zu mir gefunden habt. Und allen Veteranen, danke ich für euer wiederkehrendes Interesse an meiner Seltsamkeit.

In der letzten Zeit bin ich vermehrt über die Aussage gestolpert, dass Leute die gerne TV-schauen, mit Leuten, die lieber lesen nicht zu vergleichen sind. (Ja, ich weiss, weniger Social Media und etwas mehr Schreiben wäre gut.)

Siehe Zitat im Bild.

Emilia Clarke Lesen TV
Quelle: Quotefancy

Traue niemandem, dessen TV grösser als deren Bücherregal ist.

Und das hat mich etwas verärgert.

Ich weiss, soll die Solidarität zwischen Bücherwürmern und Lesedrachen stärken, gegen den allgemeinen Zerfall der Werte und so. Aber es ist einer dieser Sprüche, die toll klingen, bis man anfängt darüber nachzudenken.

Man kann in der heutigen Zeit, wo viele Leute lieber E-Books lesen oder ihre Bücher in der Biblithek holen, um unsere Umwelt zu schonen, die Lesegewohnheiten der Leute nicht mehr am Bücherregal ablesen. Wobei ich nicht wenige Leute kenne, die kaum je lesen, aber die schönsten regenbogenfarbige Bücherregale im Wohnzimmer stehen haben, weil das auf Instagram hübsch aussieht.

Lesen vs. TV moralisieren

Aber wenn wir uns von der wörtlichen Aussage dieses Zitats entfernen und den Sinn dahinter anschauen, dann kommen wir zum folgenden Ergebnis. Das Lesen sei dem Fernsehen moralisch überlegen. Wodurch Leserinnen und Leser automatisch die vertrauenswürdigeren Leute seien.

Na ja, auch nicht viel besser, da moralisierend. Ich tauge zwar nicht zum Moralapostel, aber wenn es denn sein muss, bitteschön, moralisiere ich mal drauf los.

Was moralisch richtig oder falsch ist, wird meistens aus dem Verhaltenskodex einer bestimmten Philosophie, Religion oder Kultur abgeleitet. Soll heissen: Auf kultureller und auch auf persönlicher Ebene gibt es z.T. massive Unterschiede. Unschwer zu erkennen am Beispiel von Kriegen, theologischen Diskussionen und Internetforen.

Damit ist auch das, was vertrauenswürdig ist oder nicht, den gleichen massiven Unterschieden unterworfen. Der subjektiven Wertung.

Das Lesen ist sicher anstrengender, als das Fernsehen. Aber nur weil jemand Willens ist, mehr Aufwand in seine Unterhaltung oder Bildung zu stecken, macht ihn das nicht zum besseren Menschen. Damit kann man auch nicht alle Leser als moralisch überlegen einordnen. Oder sagen, dass sie per se vertrauenswürdiger sind.

Fersehen oder Lesen ist eine schlechte Metrik, um die Vertrauenswürdigkeit einer Person zu messen.

Das Was, ist wichtiger

Via TV kann man viele Informationen, Geschichten sowie Themen transportieren. Über Bilder und Text, also in Formaten, die sich an viele Gruppen richten, da sie einfacher zu verstehen sind. Somit können auch Leute mit gewissen Einschränkungen und Behinderungen daran teilhaben. Was das TV-Schauen sehr einfach und allgemein zugänglich macht.

Das Lesen hingegen erfordert mehr Anstrengung. Allein der Zeitaufwand, um ein Buch zu lesen, ist grösser. Für Leute mit Dyslexie, mit anderen Lese- und Rechtschreibschwächen, Aufmerksmkeitsdefiziten, wenig Freizeit, ist das Lesen nicht sehr zugänglich. (Was durch Hörbücher etwas verbessert worden ist) Bücher sind dafür viel geeigneter, um tiefschürfende Themen und viel mehr Details unterzubringen.

Damit haben beide Medien ihre Vor- und Nachteile. Nicht jedes Buch ist moralisch über alle Zweifel erhaben und nicht alles, was im Fernsehen kommt, ist per se schlecht. Jemand der nur seichte Bücher liest, ist nicht der bessere Mensch, als jemand, der sich nur seichte Unterhaltung anschaut.

Damit komme ich zum Ergebnis, dass eigentlich unwichtig ist, welches Medium man benutzt. Es ist viel wichtiger, was man sich ansieht oder eben liest. Aber selbst das ist keine zuverlässige Metrik, um die Vertrauenswürdigkeit einer Person zu messen. Das Durchhaltevermögen sicher, die Intelligenz vielleicht, aber die Vertrauenswürdigkeit?

Lesen und TV-Schauen

Ich denke am Ende ist es wie mit allem anderen auch. Ab einem gewissen Mass wird alles ungesund, sei es Lesen oder Fernsehen.

Aber wenn wir schon dabei sind Moralitäten zu erörtern, warum dann nicht folgende: Wenn sich jemand berufen fühlt das Verhalten anderer zu bewerten, das keinen Einfluss auf einen selbst hat, dann fühlt man sich moralisch überlegen.

Wir aus der Gruppe A sind besser als Gruppe B, ist per se eine fragliche Haltung. Und ausserdem eine viel bessere Metrik, um die Vertrauenswürdigkeit einer Person zu beruteilen, als Lesen vs TV. Wer sich ständig überlegen fühlt, ist keine Person, zu der ich ein Vertrauensverhältnis aufbaue.

Die Welt in Absoluten zu sehen, wie Fernsehen schlecht, Lesen gut, ist ungesund. Die Mischung macht’s. Es heisst ja nicht umsonst, je mehr Diversität, umso ausgewogener das Weltbild. Ein wirksames Wundermittel gegen das Moralisieren.

Also macht beides und alles andere, was euch Glück und Seelenfrieden bringt, solange ihr niemandem damit schadet oder niemanden herabwürdigt, ist alles im grünen Bereich.

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